Was es bedeutet Bücher in einer Leistungsgesellschaft zu schreiben:

Meine Bewertung

Ich denke immer wieder an den Satz „Vom Schreiben leben“, den Annika Bühnemann für mich geprägt hat. Schon 2002 wollte ich dieses Ziel erreichen, doch das bedeutete auch eine gewisse Leistung zu erbringen, die in meinen Augen jedem kreativen Geist die Motivation raubt.

Doch was meine ich damit?

Vielleicht versteht man diese Ansicht nicht beim ersten Mal und auch nicht ohne Vergleich. Was ist das überhaupt, eine Leistungsgesellschaft?

Da wir im Zeitalter der Medien alles leicht herausfinden können, kann man sich zum einen einmal die Definition ansehen. Zum anderen erkläre ich es ganz knapp in eigenen Worten. Deine soziale Stellung in der Gesellschaft wird nur durch deine Leistung die du in dieser erbringst definiert.

Das wiederum erinnert mich an die Hochleistungskühe. Wer nicht weiß, was das wieder ist, der weiß ja, wie man in einer Suchmaschine das Wort eingibt und danach sucht. Trotzdem auch hier eine eigene kurze Erklärung: Eine Hochleistungskuh unterscheidet sich enorm davon wie es Kühen vor 100 Jahren erging. Milch, wie sie heute in Regalen in Massen zu finden ist, das kommt nicht mehr durch naturgegebene Umstände zustande. Eine Hochleistungskuh muss 50 Liter pro Tag und 30.000 Liter im Jahr Milch geben. Das ist ein enormer unterschied zu Kühen von vor 100 Jahren, wenn man das recherchiert. Lässt man sich diese Hochleistungskühe durch den Kopf gehen und schaut sich Bilder zu den Tieren an, dann kann man nicht mehr guten Gewissens Milch trinken. Die Euter so groß, dass die Tiere kaum laufen können, eingezwängt in engen Ställen und Nase an Nase am Futtertrog. Das alles damit diese Tiere dementsprechende Leistungen erbringen sollen und unseren Konsumgesteuerten Erwartungen gerecht werden.

Zurück zur Leistungsgesellschaft. Auch wir Menschen sind wie diese Hochleistungskühe. Wir wurden irgendwann dazu gemacht. Mehr Leistung = besseres Leben. Weniger Leistung = Inkompetent. Zu langsam = Inkompetent. Einmal die Grippe = Inkompetent. Man wird darauf getrimmt zu funktionieren, sobald man den Mutterleib verlässt. Wir sitzen Nase an Nase in Büroräumen, um Geld zu verdienen, mit dem wir Lebensmittel bezahlen, die von Hochleistungstieren stammen, denen es ebenso schlecht geht wie uns und die ebenso auf ihre Leistungen reduziert werden.

Überträgt man das auf den Buchmarkt und den Leser, so wie die Schreibarbeiten als Autor, dann ergibt sich daraus folgende Tatsache:

Ein Autor wird nur über seine Leistung definiert, mit welcher er sich eine gewisse Position erwirtschaften kann.

Was ist diese Leistung als Autor denn?

Wenn wir uns ansehen was Leistung bei der Hochleistungskuh bedeutet, nämlich die Abgabe ihrer Milch, dann ergibt sich folgendes für einen Autor:

Ein Autor muss Bücher produzieren. Milch = Bücher

Ein Autor definiert sich also in unserer heutigen Leistungsgesellschaft lediglich über seine Produktionszahlen von Büchern.

Auf die Frage, „Kann ich vom Schreiben leben?“, gibt es also nur eine tatsächliche Antwort meines Erachtens: Ja, kannst du, wenn du die in unserer Leistungsgesellschaft gestellten Anforderungen erfüllen kannst.

Was meine ich damit?

Du musst als Autor immer einen dicken Euter haben, der dich am Laufen hindert und welcher den Verlagen und Lesern eine enorm hohe Menge an Büchern in einem Jahr liefern kann. Das bedeutet wiederrum, dass du in einem Monat ein Buch schreiben solltest oder in einem Jahr eine gewisse Anzahl auf den Markt werfen müsstest, um irgendwann einmal deine Leistungen anerkannt zu bekommen und in Form von Geld diese Leistung zurück zu erhalten, um dann eine Stellung oder Position einnehmen zu können, in der du deinen dicken Euter wieder abtrainieren kannst.

Kurz gesagt: Wer viel schreibt und viel veröffentlicht, der erhöht seine Chancen auf dem Buchmarkt eines seiner Werke verkaufen zu können und darf sich dann auf die milde Abgabe von 10 % freuen. Mehr wenn man sein Buch selbst publiziert, aber dennoch bleibt es bei unter 2 Euro pro Buch.

Also, kann ich vom Schreiben leben? – Meine Antwort auf diese Frage ist ein NEIN.

Du würdest dann im Grunde deine Miete von Luft bezahlen und oder über Fundraising deinen dicken Euter verticken und wieder in die Leistungsgesellschaft mit einsteigen. Ich bin leider kein allzu großer Fan unserer ach so Modernen Leistungsgesellschaft, Wegwerfgesellschaft trifft ebenso zu, wie Konsumgesellschaft.

Doch jeder Autor entscheidet für sich selbst, wie er sein Autorendasein verbringen möchte. Ich möchte nicht bloß ein Autor sein, sondern auch beruflich in anderen Sektoren Erfahrungen sammeln (sprich ich will das Leben erleben). Denn ein langweiliges Leben regt mich nicht zum Schreiben an. Ich möchte keine Hochleistungskuh mit dickem Euter sein, sondern eine glückliche Weide Kuh wie vor 100 Jahren. Wir sollten uns alle einmal Fragen, ob dann nicht auch die Milch besser schmecken würde, wenn wir weg von der Hochleistungsgesellschaft gehen würden und hin zu einem genügsameren Leben. Vielleicht würden dann so manche Geschichten besser sein und dem Leser viele Bücher besser gefallen. Vielleicht würde man dann die Autoren weniger unter Druck setzen und nicht allzu enttäuscht sein, wenn der neue Roman von Autor XY dann doch nicht so toll war wie erwartet.

Was für mich Bücher schreiben bedeutet: Mit Worten Bilder zu malen, die wie von Gott geschaffen sind. Ein Gefühl von Macht in einer Welt in der wir machtlos sind. Kontrolle über Welten, in einer Welt in der uns die Kontrolle über unser Leben verloren gegangen ist. Die Vermittlung von Wissen, dass ich mir als Autor während meiner Recherche angeeignet habe. Das Formen von neuen möglichen Denkstrukturen, die durch neue Perspektiven der Charaktere die sich in meiner Geschichte erst entwickeln, auch beim Leser begreiflich machen. Neue Wege gehen und alte Denkweisen ablegen. Das unerwartete möglich machen und mehr mit Leidenschaft schreiben, statt mit Druck im Nacken.

Es ist zwar immer ratsam, den Leser im Blick zu behalten, doch wenn der Leser plötzlich die Kontrolle übernimmt und bestimmt wie ein Buch am Ende abläuft, oder den Autor unter Zeitdruck setzt, dann denke ich setzten wir uns weltweit einer Monopolisierung aus, die man umgangssprachlich als Mainstream bezeichnet.

Ich als Leser von Büchern möchte nicht den Autor zeitlichen Druck aussetzen, ich möchte nicht, dass die mir aufgetischte Geschichte genau meinen Vorstellungen entspricht. Ich möchte von Büchern überrascht werden, frustriert zurückgelassen werden und am Ende dennoch zufrieden sein, das Buch gelesen zu haben, selbst dann, wenn ich das Buch als komplette Zeitverschwendung betrachtet habe. Zum Abschluss kann ich nur sagen, dass wir unser Verhalten den Autoren gegenüber ändern sollten. Wir sollten unser Verhalten am Buchmarkt ändern. Wir sollten als Autoren auch recherchieren und uns trauen neue Wege zu gehen, ohne Angst vor Verlusten. Wir sollten und Zeit nehmen.
Wir sollten uns von der Hochleistungsgesellschaft wegbewegen und dem Schreiben wieder mehr Bedeutung zusprechen als der Leistungsgesellschaft in der wir leben.

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